Fehler beim Bogenschießen: Symptom oder Ursache?

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Die Füße oder die Schulter: Symptom vs. Ursache von Fehlern beim Bogenschießen

Neulich bekam ich die Anfrage, ob ich bei dem Problem „hohe Schulter“ helfen könnte. Hohe Schulter ist ein Symptom, meist nicht die Ursache des Fehlers. Und schon sind wir an der Wurzel allen Übels: Bogenschießen verleitet zu einer ganzen Reihe Denkfehler darüber, was Ursache und was Wirkung ist.

Hohe Schulter – was ist das? Typischer Weise ereilt Schützen nach der ersten steilen Lernkurve das Problem mit der hohen Schulter. Es äußert sich darin, dass der Bogen den Arm im Auszug zurückdrückt und sich die Schulter als Gegenreaktion auf den Druck nach oben schiebt.

Auch Compound-Schützen kennen das Problem. Aber hauptsächlich ereilt es Schützen, die im Vollauszug auch tatsächlich die maximale Zugkraft halten müssen – also Recurve-Schützen beispielsweise.

Zum Proben wird es nicht nur, weil die Haltung schlecht aussieht. Oft stellen sich Schmerzen in der Schulter des Bogenarms ein. Die nach oben geschobene Schulter ist eine klare Fehlbelastung der beteiligten Muskeln – vor allem des vorderen Strangs des Deltamuskels, aber auch im Nacken spürt man bald Spannungen und Schmerzen.

Außerdem führt allein schon die Tatsache, dass so ein kleiner Muskel so stark in den Schussablauf eingebunden ist, zu Problemen. Der Muskel ermüdet vergleichsweise schnell. Zielen wird mit jedem Schuss immer schwerer. Verspannungen stellen sich ein. Und die Ergebnisse stagnieren; man wird nicht mehr besser.

Das ist frustrierend. Es gibt sicherlich frustrierendere Probleme. Aber wer die hohe Schulter nicht in den Griff bekommt, wird mit Sicherheit nie das volle Potenzial ausschöpfen, wahrscheinlich immer wieder mit Schmerzen zu tu haben und unter Umständen sogar das Bogenschießen deswegen aufgeben.

Symptom Schulter beim Bogenschießen, Ursache Füße

Wer nicht aufgibt, probiert weiter. Und das hat meist zu tun mit Versuchen, den Bogenarm richtig zu „drehen“, die Schulter bewusst unten zu halten, eine bessere Handposition zu erspüren usw. Nun, man kann die Versuche zur Verbesserung der Schießtechnik auch als Lehrgeld abtun. Es vergeht dann je nach Trainingsintensität mehr oder weniger Zeit.

Doch irgendwann stolpert der Bogenschütze sprichwörtlich darüber: Konstante Haltung wird am meisten beeinflusst durch die Stellung der Füße.

Wie lange es dauert, bis der Schütze sich von der hohen Schulter bis zu den Füßen vor- oder besser gesagt hinunter gearbeitet hat, ist von vielen Faktoren abhängig. Einen Trainer zu haben ist jedenfalls kein Garant dafür, dass der den Fehler erkennt. Das habe ich selbst erfahren müssen und auch wieder erlebt, als unlängst die Anfrage bei mir aufschlug.

Der Punkt ist: Ich habe bekannte und viel zitierte Bogensport-Coaches erlebt, die mit akribischer Sorgfalt dem Schützen die hohe Schulter austreiben wollen – und dabei kein Wort verloren haben über die Stellung der Füße.

Um es kurz zu machen: In der Regel lässt sich das Problem der hohen Schulter besser lösen, wenn man einen offenen Stand einnimmt. Dabei wendet man sich dem Ziel quasi etwas zu. Ausführlicher möchte ich dazu an dieser Stelle nicht werden.

Bogenschießen lernen in Wellen

Mir geht es nämlich hauptsächlich um Etwas anderes: Bogenschießen verführt dazu, an Symptomen herumzudoktern. Warum? Weil das Menschliche Gehirn in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen denkt. Und dabei geht es in der Regel den zunächst kürzesten Weg. Beispiele solcher Denkfehler:

  • Schulter ist hoch. Ich muss die Schulter runterdrücken
  • Ich hab ein 10 geschossen. Jetzt kann ich Bogenschießen.
  • Ich habe es eben genauso gemacht und eine 10 geschossen. Meine Technik muss doch funktionieren.
  • Ich habe nicht getroffen. Etwas Unerklärliches geht vor.
  • Dies und jenes hat bei meinem Bekannten funktioniert. Das muss helfen.
  • Bei mir funktionierte dies und jenes nicht. Also komme ich mit einem persönlichen Stil langfristig besser zurecht.
  • Ich konnte mein Schießen durch diese individuelle Technik verbessern. Mit meiner individuellen Technik werde ich immer besser.

Die Informationen über eine gute Technik zum Bogenschießen werden im Zeitalter von Google und Video-Anleitungen immer verfügbarer. Daran kann es also nicht liegen, dass selbst gute Bogenschützen immer wieder an einen Punkt kommen, an dem ihre Entwicklung stagniert.

Kill Your Darlings!

Ursache allen Übels ist oft ein Denkfehler. Deswegen ähnelt die Lernkurve beim Bogenschießen bei vielen Schützen einer Welle: Auf und Ab. Fortschritt, Frustration. Daran ist zumindest prinzipiell nichts auszusetzen, wenn der Trend wenigstens leicht ansteigend ist.

Fortschritt hat in dem wellenartigen Lernmodell jedoch in aller Regel damit zu tun, dass man neue Erkenntnisse gewinnt oder alte über Bord wirft – meist beides. In der Management-Lehre existiert dazu ein schönes Motto: Kill Your Darlings (deutsch: Gib deine Lieblinge zuerst auf).

Sie erkennen solche Darlings (also geliebte aber potenziell falsche Annahmen über das Bogenschießen) beispielsweise daran, dass sie gesonderter Erklärung bedürfen und Sie die daher auch immer wieder erklären. Die Erklärungen beginnen dann vielleicht mit den Worten „Ja, aber“ oder „Bei mir ist das …“.

Viel Spaß beim Töten lieb gewonnener Gewohnheiten!

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