Es hat sich aus-probiert

versuch und anstrengung im sport

Sieht das nach Probieren aus? Powerlifting-Weltrekordler Mark Felix bei 1122 Pfund

Schon mal einfach etwas einfach gemacht und danach erst gemerkt, dass es ziemlich gut gelungen ist? Das könnte daran gelegen haben, dass Sie es nicht probiert haben. Überlegungen zur die richtigen Einstellung beim Bogenschießen.

„Ich versuch’s ja“, sagt der Schütze.
„Aber warum machst du es denn nicht so?“, fragt der Trainer.
„Ja, aber ich versuch es doch“, erwidert der Schütze.
„Dann versuch es mehr“, ermahnt der Trainer und begeht damit den entscheidenden Fehler.

Der kleine Dialog könnte in jeder Sportart zwischen Trainer und Schüler stattfinden. Genau genommen, müsste man dieses Gespräch noch nicht einmal auf den Sport eingrenzen. Und noch genauer genommen, könnte dieser Dialog auch ein innerer Dialog sein – also ausschließlich im Kopf stattfinden.

Bogenschießen verleitet zum Probieren

Der Punkt ist: Je mehr man probiert, um so schlechter kann das für den Erfolg sein. Ich will im Folgenden der Sache mal auf den Grund gehen: Warum ist Probieren im Bogenschießen eigentlich so schlecht?

Das Probieren ist eine typische Bogensport-Erkrankung. Die Fülle an verfügbarem Material allein verleitet schon zum Probieren. Es gibt hunderte verschiedene Bögen, Tausende Pfeil-Setups, Schießhandschuhe, Tabs, Releases wie Sand am Meer. Ein Beispielrechnung:

10 verfügbare unterschiedliche Compoundbögen mit 10 ernsthaft in Betracht kommenden Releases sowie wiederum 10 unterschiedlich abstimmbaren Visieren und der Einfachheit halber wieder 10 plausiblen Pfeilsabstimmungen ergeben eine Gesamtheit von 10.000 Möglichkeiten. Zehntausend theoretische Kombinationen, die man ausprobieren kann.

Und beim Material fängt der Spaß ja erst an. Hinzu kommen zig Theorien darüber, wie man gut schießt, wie man bergauf schießt, wie man bergab schießt, wie man um die Ecke schießt – ach nein, Letzteres war eine Übertreibung. Aber was das gute Bogenschießen ausmacht – das ist auch so eine Frage, auf die man viele Antworten findet.

Anstrengen geht über Probieren

Probieren geht über Studieren, heißt es im Volksmund. Und dieser Satz ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es vielleicht schwer fällt, ihn in Frage zu stellen. Aber es ist an dieser Stelle ganz wichtig. Das hat auch schon US-Autor Timothy Gallwey herausgefunden.

Gallwey hat mehrere Bücher geschrieben, die im Titel meist irgendwas mit „The Inner Game of“ zu tun haben. Es geht also in Gallweys Büchern um die innere Seite von – ja von was eigentlich? Nun, in The Inner Game of Golf geht’s um die mentale Seite des Golfspiels. In The Inner Game of Tennis geht’s um die mentale Seite des Tennisspielens. Leider gibt es kein Buch mit dem Titel The Inner Game of Archery. Nun, immerhin kann man sich denken, was drin steht.

Darin würde es auch ein Kapitel geben zum Trying Mode – zum Modus des Ausprobierens. Und darin würde Gallwey einen seiner griffigen Beratersätze bringen, der sich dann so lesen würde: Whatever you are trying to do, don’t. (Was auch immer du versuchst zu tun oder zu lassen, versuch es nicht.)

Was ist so schlimm am Versuchen? Versuchen steht uns im Weg. Versuchen bedeutet nämlich auch immer, dass man daran zweifelt etwas zu schaffen. Und ich zitiere an dieser Stelle gern Gallways Unterscheidung zwischen Versuch und Anstrengung. Kinder versuchen nicht, Laufen zu lernen. Sie strengen sich an. Versuchen mobilisiert bewusste Fähigkeiten. Anstrengung mobilisiert unterbewusste Fähigkeiten.

Anstrengen vs. Probieren: Einstellungssache

Wie ich bereits im Artikel über Fehler im Bogenschießen erläutert habe, erfordert der Vorgang des Schießens einen Automatismus. Dieser Automatismus, die erlernte Routine – das ist das Ziel des Trainings. Als Bogenschütze will und muss man sich darauf verlassen können, dass die Fähigkeit den Schuss ins Ziel zu bringen einfach da ist.

Das nächste Mal, wenn Sie an der Schießlinie, dem Abschusspflock oder der wie auch immer gearteten Position stehen, probieren Sie es mal ohne Probieren. Man verzeihe mir den kleinen Scherz. Tatsächlich kann das ganze Versuchen zum ernsten Problem werden.

Besonders hart trifft die Probierkrankheit jene Bogenschützen, die unter Target Panic leiden. Viele Rezepte warten darauf, ausprobiert zu werden. Besonders beispielhaft fand ich die Bemerkung in einer Fachpublikation. Dort wurde lang und breit eine Methode gegen Target Panic beschrieben.

Und in den letzten Zeilen stand dann sinngemäß etwas wie: Wenn Sie die Methode angewendet haben, probieren Sie aus, ob Ihre Goldangst geheilt ist. Vielleicht haben wir es lediglich mit einer flapsigen Formulierung zu tun. Dennoch: Der Rat – probiere es doch mal aus – er kommt so unscheinbar daher und ist doch so tückisch.

Die Tücke hat natürlich auch damit zu tun, dass der Begriff des „Versuchs“ ganz typisch im Sport verwendet wird. Man sagt; der Athlet oder die Athletin hat noch einen Versuch. Damit ist mitunter mehr so etwas wie Durchgang gemeint.

Vielleicht bringt folgendes Beispiel noch mehr Licht in die Sache: Glauben Sie, dass Weltrekorde und Spitzenleistungen im „das-probier-ich-aus-Modus“ entstehen? Ganz und gar nicht. Stellen wir uns vor, ein Gewichtheber würde beispielsweise erst mal ausprobieren, wie schwer sich die Hantel anfühlt und ob er sie heben kann. Wenn ich mir die Wettkämpfe anschaue (was ich nicht regelmäßig tue), habe ich ganz und gar nicht den Eindruck, dass die Sportler probieren. Die strengen sich an.

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