Entfernungen schätzen im 3D-Bogensport

Sound Judging, das Hören von Entfernung ist eine der zahlreichen Techniken beim Schätzen

Sound Judging, das Hören von Entfernung ist eine von zahlreichen Techniken beim Schätzen

UPDATE MIT NEUEN VIDEO-BEITRÄGEN: Im 3D-Bogensport ist das richtige Schätzen von Entfernungen entscheidend. In den Visierklassen wird auf den Meter genau die Entfernung zum Ziel geschätzt. Alles andere macht keinen Sinn. Man kann in einem metergenau einstellbaren Visier ja keinen Bereich festlegen. Das heißt: Die Technik macht es möglich. Und die Schützen reizen diese Möglichkeiten aus.

In der Praxis haben sich die unterschiedlichsten Methoden bewährt, wie man die Entfernung schätzen kann. Auf Turnieren sieht man Bogensportler gelegentlich ungewöhnliche Bewegungen vollziehen, merkwürdige Rituale abspielen oder allerhand Zeit mit Grübeln verbringen.

Warum ist das so: In den visierlosen Bogenklassen hat das Schießen noch einen höheren Stellenwert. Aber in den Compound-Klassen mit Visier ist das Schießen nicht mehr das 3D-Hauptthema. Die Ziele sind in der Regel groß genug, um sie mit der vorhandenen Technik gut zu treffen. Aber ohne die korrekt geschätzte Distanz liegen die Treffer zu hoch oder zu tief, je nachdem, ob man zu weit oder zu nah geschätzt hat. Da werden also Punkte gemacht oder verloren. US-Profi und mehrfacher 3d-Champion Levi Morgan hat in mehreren Beiträgen eingestanden, sein Geld im Wesentlichen mit dem Schätzen von Entfernungen zu verdienen.

Entfernungen schätzen als Fähigkeit

Fähigkeiten sind wie Muskeln. Wenn man sie richtig trainiert, werden sie stärker. Was heißt das für uns? Nun, egal wie viele Methoden Sie kennen; so richtig gut schätzen werden Sie erst, wenn Sie es geübt haben. Diese Unterscheidung von Wissen und Können ist mir ganz wichtig. Genau genommen ist das Schätzen von Distanzen eine doppelgesichtige Fähigkeit: Man muss es können. Und dann muss man darauf vertrauen, dass man es richtig gemacht hat. 3D-Bogensport hat viel damit zu tun, Ungewissheiten zu überwinden. Aber das wird jetzt zu philosophisch…

Ich habe mir alle möglichen Schätzmethoden angeeignet und sie ausprobiert. Und jede Methode hat ihre Stärken und Schwächen. Ich empfehle, je nach Beschaffenheit des Geländes, einen bestimmten Mix an Methoden parat zu haben.

Feldversuch in Speyer: Wie gut schätzen Ungeübte?

Aber letztlich werden Sie mit der Zeit merken, wie Sie ein immer besseres Gefühl entwickeln, wie weit ein Ziel entfernt steht – und jetzt kommt’s – ohne dass Sie eine bestimmte Methode angewendet hätten. Was meine ich damit?

Ich erkläre es immer so: Wenn ich an ein Target komme, poppt in meinem Hinterkopf eine Zahl auf. Ich habe nicht bewusst darüber nachgedacht. Ich habe es einfach zugelassen, dass mein Unterbewusstsein dieses Bild einer Zahl produziert. Und was soll ich sagen: Meistens stimmt diese Zahl deutlich genauer, als was ich aktiv mit meinen Methoden schätze. Ich nutze meine Batterie an Schätzmethoden dann nur noch, um diese Zahl zu widerlegen. Wenn ich keine Anhaltspunkte finde, dass diese Zahl ein Irrtum war, nehme ich diese erste unbewusst produzierte Zahl, auch wenn ich mit bewussten Schätzmethoden einen oder zwei Meter mehr oder weniger rauskomme. Wenn ich beim bewussten Schätzen jedoch merke, dass diese erste Ahnung grob falsch war, revidiere ich natürlich mein Urteil.

Die Kunst besteht dennoch oft einfach darin, dieser ersten unbewusst aufgepoppten Zahl zu vertrauen. Noch mal: Wer es richtig gut kann, den erkennt man daran, dass der dieser unbewusst aufgepoppten Zahl Vertrauen schenkt. Leider kann man den Weg des Lernens nicht umkehren und damit anfangen, unbewusst genaue Schätzergebnisse zu produzieren. Deswegen fangen alle Bogensportler mit mehreren Methoden an. Außerdem werden Sie es immer wieder erleben, dass Sie unter Druck diese unbewusst aufpoppenden Zahlen nicht haben. So ist das eben, wenn man im Stress ist – zum Beispiel im Turnier. Und auch dann brauchen Sie Methoden – teils zur Kontrolle, teils weil es Ihnen Sicherheit gibt, und teils weil es Sie vor Fehlern bewahrt und zur Besinnung bzw. Entschleunigung mahnt. Methoden geben eben Sicherheit. Das ist vielleicht ihr größter Vorteil.

Entfernungen schätzen lernen – ein Vorschlag

Kaufen Sie sich einen Rangefinder. Einfache Modelle genügen im Prinzip schon. Sie werden immer das Problem haben, dass Rangefinder auf unterschiedlichen Oberflächen unterschiedliche Entfernungen ausgeben. Geräte, die so richtig genau überall gleich messen, kosten eben auch richtig genau Geld. Wichtig für den Lernprozess ist diese Genauigkeit nicht unbedingt.

Es geht vielmehr um ein verlässliches Element zur Korrektur Ihrer Schätzungen. Wenn Sie beispielsweise einen Compoundbogen mit metergenauer Visierskala nutzen, bekommen Sie diese Korrektur ja mit jedem Schuss. Wobei mit einem Rangefinder können Sie eben auch Schätzen üben, ohne dass Sie schießen.

Das würde ich auch jedem empfehlen: Trennen Sie das Schätz-Training vom Schießen ab. Das hat gleich mehrere Vorteile:

  • Sie können überall trainieren
  • Sie können unterschiedlichste Objekte abschätzen und nicht nur 3D-Targets, was Ihnen im Gelände helfen wird. Denn da muss man sich oft in Etappen zum Ziel hin-schätzen. Und wenn ich dann nur die Entfernung zu Gummitieren schätzen kann, helfen mir die Bäume auf dem Weg dahin leider gar nicht.

Anfänger: Beginnen Sie mit kurzen Distanzen. Perfektionieren Sie Ihren Blick für die ersten 10 Meter. Nur wenn Sie die ersten 10 Meter von sich weg genau schätzen, können Sie auch die weiteren Distanzen abschätzen.

Wenn Sie diese 10 Meter im Schlaf von jeder erdenklichen Schussposition aus erkennen können, gilt der Spruch „Extend your Range“. Diesen Spruch hat der US-Profi Levi Morgan geprägt. Er meint damit, dass man schrittweise die Reichweite erhöhen soll. Also wenn Sie 10 Meter schätzen beherrschen, lernen Sie, 20 Meter auf einen Blick zu erkennen. Was das bringt: Sie können dann diese genau geschätzten 20 Meter gedanklich “verdoppeln” auf 40 Meter. Das ist genauer, als wenn Sie vier mal 10er-Schritte machen. Bei jedem gedanklichen Schritt – also bei jeder Etappe – schleichen sich kleine Fehlerchen ein.

Irrtümer und Mythen über das Schätzen der Entfernung

Wenn Sie mit Visier schießen, treffen Sie auf kurze Distanzen zwischen 5 und 25 Meter alles, was Sie wollen, ohne auch nur einmal richtig geschätzt zu haben. Das wiegt Sie in der Illusion, Sie würden richtig schätzen. Wenn das Target dann aber 30 bis 40 Meter entfernt steht, werden die Trefferlagen schon knapper. Und ab 40 Meter zeigt sich erst, wer wirklich schätzen kann.

Blank-Schützen gehen häufig einer anderen, tückischen Illusion auf dem Leim, sie würden die Distanz richtig schätzen, weil Sie ja relativ genau treffen. Das „relativ genaue“ Treffen kommt jedoch von der „Gap-Illusion“. Dazu muss ich mal einen gesonderten Artikel schreiben, weil Zieltechniken ohne Visier so interessant und komplex sind.

Aber im Kürze: Das Zielbild bei Blankschützen ändert sich mit zunehmender Distanz kaum. Sie halten meistens irgendwie knapp unter das Ziel. Steht das Ziel 20 Meter weit weg, erscheint die Pfeilspitze – mal als Beispiel – 5 cm unter dem Bauch des Ziels. Und wenn es 50 Meter weit weg steht, erscheint die Pfeilspitze im Zielbild ebenfalls knapp unter dem Bauch.

Würde man die Platzierung der Spitze am Target abbilden – so als würde ein Laserstrahl aus der Pfeilspitze strahlen – würde man merken, dass man beim 20-Meter-Ziel knapp einen Meter drunter zeigt. Und beim 50-Meter-Ziel zeigt man nur noch 20 Zentimeter drunter – hält also in Wahrheit deutlich höher, ohne dass es so aussieht aus der Perspektive des Schützen. Das ist die Gap-Illusion. Ich habe diesen Begriff erfunden und hoffe, er beschreibt den Kern ganz gut.

Schätz-Methoden in der Übersicht

  • Ground-Judging: Das Entlanghangeln auf dem Boden ist die verbreitetste Methode. Man schätzt dabei in 10er-Schritten etappenweise. Vorteil: Ist recht genau und einfach zu lernen. Nachteil: Gute Parcoursbauer machen es den Schützen gerne schwer, den Boden bis zum Ziel lückenlos zu sehen.
  • Half-Way: Der halbierte Weg ist auch recht verlässlich. Diese Methode geht davon aus, dass man kürzere Distanzen genauer schätzen kann als lange. Und die Weg-Mitte bis zum Target lässt sich relativ gut finden.
  • Split Vision, der geteilte Blick, um es mal möglichst deutsch zu übersetzen. Split Vision kommt aus dem Langbogen-Schießen und meint, dass man den Fokus teils auf dem Pfeil und teils auf das Ziel lenkt. So positioniert man sich ins optimale Zielbild und trifft. Diese Technik hat Byron Ferguson perfektioniert. Beim Schätzen der Entfernung gilt das gleiche Prinzip. Man blickt zum Ziel und fokussiert teils auf einen Punkt parallel zur eigenen Position. Und dann visualisiert man eine Linie von diesem Punkt zum Ziel und schätzt daran entlang in Etappen bis nach vorn – also ähnlich wie beim Ground-Jugding, nur mit dem Vorteil, dass man den Boden nicht braucht. 3D-Weltmeister Jozsef Csikos hat mir diese Technik auf der WM in Ungarn gezeigt. Bei ihm klappt sie also recht gut ;-)
  • Scoping: Das ist wieder etwas für Visier-Schützen. Scoping – also das Benutzen des Visiergehäuses – basiert auf dem Strahlensatz. Die Methode wurde von Feldbogensportlern perfektioniert. Sobald die wissen, auf welche Scheibengröße die schießen, können sie einschätzen, wie viel der Scheibe sie im Auszug sehen, wenn sie durchs Scope schauen. Im 3D muss man fürs Scopen die Tiergrößen auswendig lernen. Das kann sich aber lohnen, wenn bei einer Meisterschaft nur ein Hersteller eingesetzt wird. Dann hat man im Prinzip 5 bis 10 große Targets, die weit weg stehen können, sodass Scoping überhaupt was bringt. Man kann so ähnliche Methoden mit allen möglichen Objekten erlernen – auch als Blankschütze. Recurve-Schützen halten beispielsweise mitunter den Bogen am ausgestreckten Arm und prüfen, wie viel vom Ziel von der Pfeilauflage (bzw. Button) verdeckt wird.
  • Zeigen ist so eine Methode, die immer beliebter wird. Man zeigt mit dem Finger nach vorn. Und dann öffnet man die Augen und schaut, wo der Finger hinzeigt. Die Distanz bis dahin ist immer gleich, wenn man diese Technik etwas übt und immer gleich zeigen kann. Wenn man beispielsweise immer auf 30 Meter zeigt, hat man einen guten Anhaltspunkt für weitere Verfeinerungen. Ist dann nur schlecht, wenn es bergauf oder bergab geht. Da geht das nur bedingt.
  • Sound-Judging: Also das Schätzen aufgrund von Geräuschen. Das macht vor allem Sinn in allen IFAA bzw. DFBV-Turnieren. Da schießen die Compounder alle gleich schnell, weil ein Speed-Maximum vorgeschrieben ist. Außerdem sind die Schützen je nach Klasse und auch Güteklasse in Gruppen eingeteilt. Wenn ich dann höre, wie lange der Pfeil des Schützen vor mir bis zum Ziel braucht, gibt mir das einen totsicheren Anhaltspunkt. Sound-Judging hat absolut Potenzial, die genaueste und verlässlichste Methode zu sein, die man sich aneignen kann. Das Gehör lässt sich unglaublich fein schulen.
  • Betrügen 1: Leider ist 3D anfällig für allerhand miese Tricks, um die Entfernung zu ermitteln. Am besten funktioniert die Methode „Team-Play“, bei der einer vorschießt und dann weiß, ob er richtig oder falsch lag. Diese Info gibt er dann einfach dem Team-Kameraden.
  • Betrügen 2: Ebenfalls sehr verlässlich sind Ferngläser, mit denen man irgendwie doch messen kann. Ich meine nicht die 2000-Euro-Teile, die einen integrierten Rangefinder haben. Viel unauffälliger ist ein Fernglas mit sehr großer Vergrößerung – so ab 20fach. Dann kann man das Bild sehr fein scharfstellen. Eine einfache Markierung an dem Rad, mit dem man die Schärfe einstellt, genügt und man bekommt mitunter metergenaue Ergebnisse. Blöd nur, wenn das Scharfstellen dann immer eine Minute dauert, sich die Umstehenden schon fragen was das soll und man am Ende des Tages wortlos disqualifiziert wird. In der Realität kommen solche Disqualifikationen nicht vor.

Es gibt noch einige Unterformen einzelner Methoden zum Schätzen der Entfernung. Aber im Prinzip gehören sie immer zu der einen oder anderen Art des:

  • Zerlegen der Distanz in kleinere Etappen
  • Anwenden eines Strahlensatzes
  • Zulassen von Intuition

Ich hoffe, dass dieser Beitrag etwas beitragen konnte und freue mich auf Kommentare oder sonstiges Feedback. Zu guter letzt noch das angesprochene Sound-Judging im Video-Beitrag.

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